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Wulf Sicher im Gildehaus des Eifelmuseums Blankenheim

Blankenheim

Schutz – Raum – Natur, Bilder und Objekte aus Lehm vom 20. Januar bis 24. Februar 2008.

Eifelmuseum Blankenheim Die Ausstellung ist Samstag, Sonntag und Feiertag von 14 – 17 Uhr geöffnet.
Die musikalische Einführung in die Ausstellung übernimmt Sonja Sommer, Blockflötensolistin. Zur Einführung in das Ausstellungsthema spricht Dr.Elisabeth Geschwind.



Wulf Sichers
Arbeiten sind tatsächliche und virtuelle Behausungen für Kleinstlebewesen. Es sind somit die Lebewesen, die buchstäbliche Äonen vor uns die Erde bewohnt haben. Derzeit teilen sie mit uns Menschen denselben Lebensraum – für einen wohl relativ recht kurzen Zeitraum von wenigen Millionen Jahren. Sie werden es dann auch sein, welche die uns derzeit gemeinsame Erde bis kurz vor ihrem Sturz in die Sonne für weitere Äonen wahrscheinlich bewohnen werden.
Wulf Sicher zeigt in seinen Lehmbauten für diese Kleinstlebewesen zeichenhaft auf, wie eine Gemeinschaft ihre Schutzräume in einem kreativen und kreatürlichen Dialog mit der Natur bilden könnte.

SCHUTZ – RAUM - NATUROHNE TITEL

Eine Einstimmung    Dr. Elisabeth Geschwind
Der Titel der Ausstellung SCHUTZ – RAUM – NATUR erzeugt vor allem die Frage nach dem Zusammenhang dieser drei Begriffe, genauer: Ihr Sinn in diesem Zusammenhang im Hinblick - eigentlich im Hinblicken auf die Lehmbauten von Wulf Sicher, denn es geht hierbei ja nicht um einen philosophischen Diskurs über diese drei Begriffe...

Diese Werke werden für sich selbst sprechen. Zu ihrer Fertigung nur eine Randnotiz:  Die Rückseite des industriell vorgegebenen Keilrahmens aus Holz ist es, die Wulf bei den bildformatigen Arbeiten mit einem Gefache aus Weidenzweigen versieht. Innerhalb dieser Grenzen baut er Schutzräume aus Lehm, wobei er mit verschiedenen Beimischungen experimentiert sowohl für den Bau selbst wie dessen Oberfläche. Daß die kleinen Lebewesen, ob vielfüßig krabbelnd oder vielflügelig fliegend nicht auf Wulfs Schutzräume angewiesen sind, sondern seit unvorstellbaren Zeiträumen die Naturgegebenheiten zu nutzen wissen, bezeugt ihr Überleben .

 Es geht wohl eher in dieser Kunstausstellung darum, uns, der Gattung Mensch, die zu Unrecht sich selbst homo sapiens nennt,  nahe zu bringen, wie weit wir uns von der Natur entfernt haben. Wir scheinen völlig vergessen zu haben, daß wir untrennbar eingebunden sind in ihr Wirken. Wir amputieren uns selbst in der gierigen, der maßlosen Zerstörung der Natur, die wir distanziert Umwelt  zu nennen uns angewöhnt haben – es gibt keine Umwelt, es gibt nur Welt, das sind auch wir selbst und das erst seit etwa zwei Millionen Jahren .  Unsere eigene Natur also braucht eben diese Welt, um leben zu können – umgekehrt ist das keineswegs der Fall!   Die Welt braucht uns so wenig wie den Archäopterix und den Säbelzahntiger…Diese eine Welt ermöglicht uns, Schutzräume für unser Leben und Überleben zu schaffen. Von der Nutzung natürlicher Höhlen in der Altsteinzeit bis zu den Wohnsilos zigstöckiger Hochhäuser ist nur technisch ein Weiterschreiten zu beobachten; innen sind es lauter Minihöhlen, in denen mensch sich zu Hause fühlen möchte. Alle dieses Bedürfnis nicht achtende Architekturen fanden sich innerhalb kurzer Zeit innenarchitektonisch zurückgebaut – siehe beispielsweise Corbusiers von den Bewohnern zu gemütlichen Wohnhöhlen korrigierte Bauten.

Zuinnerst spüren wir, daß wir, um unser Leben unserer individuellen Eigenart entsprechend leben zu können und zu wollen, unseren ganz eigenen Schutzraum brauchen. Erst in einem möglichst authentischen Schutzraum gelingt  es, uns zu entwickeln. Sowenig es Standards gibt und vorgezeichnete Lebenswege,  sowenig gibt es standardisierte Schutzräume. Wulf  selbst lebt und arbeitet in einer artifiziellen Lehmhöhle, mit Tageslicht von oben, das durch ein gewelltes Plexiglas fällt. Und sein Computer steht drin, drei Gitarren, ein Kohleofen; er schläft dort, arbeitet, sinniert, diskutiert und ist, geborgen in diesem seinen Schutzraum irgendwo zwischen Altsteindesign und ökologisch-politischer Frontlinie anzusiedeln.

Und wo sind Sie, bist Du, bin ich anzusiedeln?

VENUS IM FISCH   DON'T HUNT THE BUMBLE BEES
  VENUS IM FISCH    DON'T HUNT THE BUMBLE BEES



„Was bedeutet es, behaust zu sein?“ schreibt der Künstler ORESTE  es  im Text zu seiner Installation „Migrantensofa“in der eben zu Ende gegangenen Ausstellung nebenan,  im Eifelmuseum Blankenheim… Was bedeutet es also, behaust zu sein? Lebt denn ein jeder in seiner ihm und seiner tiefen Sehnsucht gemäßen Behausung ? Dies würde auch bedeuteten , im Einklang mit seinem jeweils ganz und gar einzigartigen Menschssein und damit im Einklang mit der Natur sich auf dieser Welt behaust zu fühlen…wer von uns fühlt sich  in der Weise zuhause?

Und: wie ist das Problem der Abgrenzung dieser meiner Behaustheit gegenüber jedem , der außerhalb dieser häuslichen Grenze steht, also ausgegrenzt ist, positiv zu überwinden? Der alte Kulturkampf der sesshaften gegen die nomadisierenden Lebensgemeinschaften ist gemeint, der globale Krieg gegen das Fremde, das Anderssein, Einheimische gegen Migranten jeglicher Art, Kopftuch gegen Kreuz, … der tödliche Wille, es auszumerzen… Könnte es denn sein,  weil es so schwer ist, die  innerste Behausung unseres je eigenen Menschseins zu gestalten , oder, anders gesagt:  Weil es so schwer ist,  das eigene seelische Meublement , zu gestalten, oder, noch anders: Weil der Weg in sich selbst nach Hause zu kommen so schwer ist – er ist jeweils einzigartig und ganz neu für jeden zu finden… daß es vielleicht genau diese eigene innere Unbehaustheit  ist, die solche Wut unversöhnlich gegen das fremde „Außen“ provoziert und projiziert?

Wulf Sicher vermittelt zeichenhaft mit seinen drei Gitarren, die sonst in seinem Wohnraum stehen und die  er nun auch hierher zu seinen Schutzräume stellt, daß Musik jede innere und äußere Enge und damit Angst  auflösen, erlösen kann– seine Gitarren nennt er „good guns“. Bei Orpheus und Daniel hat Musik in mystischen Zeiten auch die eigene Angst und den Gegner befriedet…

Insofern ist diese Ausstellung eine Kunstausstellung von hohem moralischem und humanitären Anspruch. „Machen wir`s den Schwalben nach, bau`n wir uns ein Nest…“erinnern Sie sich? Es geht hier jetzt nicht um „Schwalben“ und um ihre „Nester“-nicht um nörgelig-verquaste Nostalgie, auch  nicht um den oft recht  verdrießlichen Ökolatschenfanatismus oder um grindhäutige Abkehr von Lebenslust.. ...Es geht vielmehr darum, mit freundlichen Augen die Weisheit und Geduld vielgeschundenen Natur  wieder zu erkennen , wie sie sich ausdrückt, beispielsweise, in den unterschiedlichen Schutzräumen der Kleinstlebewesen wie sie hier in kunstvoller Zeichenhaftigkeit von Wulf Sicher gezeigt werden.

Vor einer Zeit, die unserem Denken nicht nachvollziehbar ist, existierten eben diese, die eigentlichen Bewohner der Bauten in gigantischer Größe – in der Nettersheimer Ausstellung MEINE KÖNIGIN konnte man einen Eindruck davon bekommen: Dorothea Kirsch zeigte die abgelegte Hülle eines  solch königlichen Geschöpfs  in etwa originaler Größe als eine Art Mobile, „Last Summer´s Queen“: Die Zartheit ihrer verlassenen Hülle, die wie im Verlöschen  schwebenden Farben,  Charme und Witz in der Auswahl der Werkstoffe ließen  das grandiose Ausmaß des Insekts unberührt, ein Maß , das dem seiner frühen Vergangenheit und dem seiner Zukunft entspricht… einer Zukunft, die ohne uns stattfinden wird…den Zeitpunkt bestimmen wir selbst, in eingeschränkter Weise, wenn wir uns neu  immer wieder klar werden, daß wir, wie unterschiedslos alle anderen Lebewesen , nur Gast sind auf dieser  Erde, die uns Schutz bietet, die uns Raum gibt, die uns unsrer Natur folgen läßt … die wir uns keinesfalls „untertan“ machen können und die uns abschütteln wird, wenn wir ihrer Weisheit nicht folgen.
(eg)

REKULTIVIERUNGSVERSUCHE

 

 
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